Fachkräfte aus dem Ausland: falsche Vorstellungen und echte Chancen

Vier Frauen und ein Mann verschiedener Ethnien stehen in einem Büro udn lächeln.
Lisa Sieckmyer, Mrudula Joshi und Silas Ayetuoma (v.l.) bei einem Besuch in der VHS Schwetzingen. Bild: Rhein-Neckar-Kreis

Deutschland: Das ist doch quasi USA, oder? Mit welchen Erwartungen und Vorstellungen Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland reisen wollen, wissen Mrudula Joshi und Silas Ayetuoma ganz genau: Die beiden arbeiten für das Goethe-Institut im Projekt Vorintegration. Sie in Indien, er in Nigeria. Kürzlich waren beide für eine Hospitation beim Welcome Center Rhein-Neckar. Im Gespräch mit dessen operativer Leiterin Lisa Sieckmeyer geht es um Karrierewege und Hindernisse, um falsche Vorstellungen und echte Chancen.

Was bedeutet Vorintegration überhaupt?

Silas Ayetuoma: Bei uns geht es darum, die Kultur zu verstehen und sich vorzubereiten, bevor man nach Deutschland kommt. Dafür bieten wir zum Beispiel interkulturelle Trainings. Für den Alltag, beim Einkaufen, bei der Arbeit und andere alltägliche Situationen.
Mrudula Joshi: Vorintegration hat bei uns einen sehr großen Rahmen. Dazu gehören mehrere Themen: Arbeits- oder Ausbildungsplatzsuche, sogar Lebensläufe und Bewerbungen. Aber auch bei uns ist die Kultur am wichtigsten. Und natürlich die Sprache als Grundlage!

Welche Vorstellungen haben die Leute, die zu Ihnen kommen, von Deutschland? Warum wollen sie ausgerechnet hierher kommen?

Ayetuoma: Wir hören immer wieder Sätze wie: „Ich habe einen Onkel in Deutschland, der hat gesagt, es gibt dort so viel Arbeit und ich kann auch kommen.“ Das ist eine Gruppe. Eine andere sind Leute, die schon über das Goethe-Institut zu uns kommen, also schon Grundlagen zu Sprache und Kultur haben. Und die dritte Gruppe sind Menschen, die einfach einen Ort suchen, an dem sie besser leben und arbeiten können als bisher. Die haben nicht viel Hintergrund oder Informationen, aber viel Motivation zu arbeiten.
Joshi: In Indien sind die Zielländer eigentlich England und die USA. Das haben die meisten vorrangig im Kopf, weil sie englischsprachig sind; in Indien sprechen wir viel Englisch. Sie wissen, dass Deutschland auch zu dieser westlichen Kultur gehört – und stellen sich Deutschland sozusagen wie die USA vor. (beide lachen) Die Erstvorstellung ist immer die von diesem typischen westlichen Land, wo Konsum sehr viel Raum einnimmt, das in Sachen moderne Technologie Spitze ist und eine freiere Kultur hat. Erst in den Kursen lernen sie nach und nach, was Deutschland wirklich zu Deutschland macht.

Die Menschen, die durch die Welcome Center beraten werden, haben ja längst nicht immer einen Kurs zur Vorintegration abgeschlossen…

Lisa Sieckmeyer: Nein. Viele sind mit ihrem Partner eingereist, haben ein Visum zur Arbeitsplatzsuche oder ein anderes Visum genutzt und suchen dann von hier aus eine Stelle.

Was sind für diese Gruppe die größten Überraschungen?

Sieckmeyer: Die meisten überrascht es, wie schwierig es ist, Arbeit zu finden. In ihrer Heimat haben sie vom Fachkräftemangel hier gehört und dachten, sie würden schnell eine Stelle finden. So einfach ist das aber eben doch nicht, weil die Profile natürlich passen müssen. Zudem denken viele, dass man einfach anfangen kann zu arbeiten und Deutsch erst hier lernen kann, quasi nebenbei. Aber für die meisten Stellen braucht man eben schon von vornherein gute bis sehr gute Deutschkenntnisse.  

Wie sieht dieser Aspekt bei Ihnen in der Vorintegration aus?

Joshi: Ähnlich. Da gibt es bei uns eine etwas witzige Vorstellung. Viele Leute sind ganz erstaunt: „Ich komme doch zum Arbeiten hierher – und geht da nicht alles auf Englisch? Reicht es nicht, wenn ich nur A1 oder A2 mache?“
Ayetuoma (lacht): Oh ja, genau. „Muss ich die Sprache verstehen?“ (beide lachen)
Joshi: Dann erklären wir ihnen, wenn sie ein gutes Leben haben möchten, sind die Sprache und die Kultur des Ziellandes wichtig.

Aus welchen Branchen kommen denn Ihre Klienten, die nach Deutschland wollen?

Joshi: Bei uns gibt es viel IT-Industrie. Der IT-Bereich ist auch in Deutschland sehr gut entwickelt, hier findet also viel Migration statt. Dann gibt es noch Mechatronik und auch Maschinenbau, etwa für den Automobilbereich. Seit Kurzem wissen die Menschen auch mehr über Ausbildung als Karrieremöglichkeit. Also dass man nicht unbedingt erst mal seinen Master an der Universität absolvieren muss. Aber diese Erkenntnis setzt sich erst seit rund vier oder fünf Jahren durch.
Ayetuoma: In Nigeria war es bisher vor allem die Gesundheitsindustrie, insbesondere Pflege, aber auch Medizin und Physiotherapie. Aber unsere Regierung ist sehr streng inzwischen, es gibt jetzt sehr viele Regeln, um den Brain Drain zu stoppen. Neu entdeckt als Branche ist die Gastronomie, viele kommen beispielsweise als Hotelmanager nach Deutschland. Auch hier sind Maschinenbau und Automobil beliebt.

Was sind die größten Hindernisse auf dem Weg nach Deutschland?

Ayetuoma: Abgesehen von unseren eigenen Regeln: die Sprache. Auch die Arbeitssuche von Nigeria aus ist nicht so einfach. Und selbst wenn man dann einen Vertrag hat, kommt noch der Visumsprozess – der ist einfach zu lang. In Nigeria muss man 18 Monate auf ein Visum warten. Also: Bürokratie, Sprache und Arbeitssuche. Und Sprache.
Joshi (lacht): Ja, das kann man gar nicht genug betonen. Indien hat ähnliche Herausforderungen. Wir haben auch ein Kapazitätsproblem: Wir können gar nicht so viele Prüfungen pro Jahr durchführen, wie Menschen migrieren wollen. Das Visum immerhin dauert nicht so lange, so zwei bis drei Monate, aber das ist immer noch länger, als die Kandidaten sich wünschen. Sie glauben, wenn sie eine Arbeit gefunden haben, sind sie ein paar Wochen später in Deutschland und die Familie kommt gleich mit. Aber so schnell geht das ja trotzdem nicht.

Hat der Prozess sich durch das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz (Regelungen greifen seit Ende 2023/Anfang 2024) geändert?

Joshi: Es ist teilweise leichter geworden, besonders weil man jetzt das formale Training und die Arbeitserfahrung nicht aus der gleichen Branche haben muss. Und das beschleunigte Visumsverfahren sorgt für kürzere Wartezeiten.
Sieckmeyer: Das funktioniert allerdings nur, wenn die Kandidaten bereits einen Arbeitgeber in Deutschland haben, der den Prozess anstößt. Dann können Unternehmen ihre neuen Mitarbeitenden schneller in Empfang nehmen, als das früher der Fall war.
Joshi: Oft haben aber auch die Unternehmen falsche Vorstellungen: Es gibt immer wieder Probetage von Unternehmen, die einen Ausbildungsplatz vergeben möchten. Die Unternehmen teilen uns den Termin mit, wollen am liebsten sofort eine Rückmeldung – und dann ist dieser Termin in zwei Wochen. Das reicht für die allerwenigsten, um ein Visum zu organisieren, geschweige denn um das Geld für diese Reise aufzutreiben. Ganz wenige, die schon Familie hier haben, bei der sie wohnen können, kommen mit einem touristischen Visum hierher und machen dann die Probetage mit. Aber beispielsweise ein Mechatroniker kann das nicht leisten.

Besteht bei deutschen Unternehmen noch viel Nachholbedarf, was internationale Fachkräfte angeht?

Sieckmeyer: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Es gibt durchaus einige Unternehmen, die sich super auskennen. Das sind aber natürlich alles größere Unternehmen oder sogar Global Player. Auf der anderen Seite stehen viele kleinere und mittlere Unternehmen, die nicht unbedingt die Kapazitäten haben, sich alleine durch diese komplexen Verfahren zu kämpfen. Da unterstützen wir gerne.

Und wie?

Sieckmeyer: Wir können sie gut beraten, wie sie eine Fachkraft nach Deutschland holen können und welche Punkte dabei wichtig sind – auch was Fristen und Dauer angeht. Da muss man schon ein wenig Erwartungsmanagement betreiben. Und natürlich geben wir auch Rückmeldung aus unseren Erfahrungen weiter an Politik und Verwaltung, damit in der nächsten Gesetzgebung bestimmte Punkte berücksichtigt werden. Gerade für diesen Punkt ist so ein Austausch wie dieser hier zwischen Akteuren aus dem Aus- und dem Inland unheimlich wichtig.

Weitere Informationen

Kontakt

Lisa Sieckmeyer
Stabsstelle Wirtschaftsförderung
06221 522-2467
l.sieckmeyer@rhein-neckar-kreis.de

(Erstellt am 28. April 2026)