Zwischen Loslassen und Anpacken

Älterer Herr im Hemd und junge Frau mit Blazer sitzen gemeinsam an einem Tisch, auf dem ein Laptop steht, und betrachten Unterlagen.
Bild: Pexels / Gustavo Fring

Wer übernimmt meinen Betrieb? Vor dieser Frage stehen jedes Jahr mehr Unternehmerinnen und Unternehmer – oft ohne Antwort, ihre Firmen müssen abgewickelt werden. Gleichzeitig gibt es Neugründungen, wo Übernahmen möglich wären. Christian Schwöbel von der IHK Rhein-Neckar erklärt, welche Probleme durch diese Schieflage entstehen, welche Ursachen dahinterliegen – und welche Lösungen es gibt.

Wie groß ist das Problem in Zahlen?

Wir gehen davon aus, dass in unserem IHK-Bezirk Rhein-Neckar jedes Jahr rund 1.500 Unternehmen vor der Herausforderung der Nachfolgeregelung stehen. Und die Schere zwischen Übergebern und Übernehmern öffnet sich immer weiter zu Ungunsten der Übergeber. 

Inwiefern?

Laut DIHK-Nachfolgereport 2025 werden nur noch ein Drittel der Unternehmen innerhalb der Familie übergeben, rund ein Fünftel an Mitarbeitende. Für fast die Hälfte wird ein externer Käufer gesucht – und gleichzeitig erwägt rund ein Viertel der Nachfolgeunternehmen eine Schließung. Diese Zahlen decken sich im Großen und Ganzen auch mit unserer eigenen Mitgliederbefragung aus dem Jahr 2024.

Was sind die Folgen für die Gesamtwirtschaft?

Das ist ein zentrales Thema – besonders in Deutschland, wo viele Betriebe familiengeführt sind und in den nächsten Jahren altersbedingt übergeben werden. Eine funktionierende Unternehmensnachfolge sichert Beschäftigung, stabilisiert das Wirtschaftswachstum, fördert Innovation durch Weiterentwicklung der Produkte und Geschäftsprozesse, erhält regionale Wirtschaftsstrukturen und sichert Steuereinnahmen und Kaufkraft. Bei Betriebsaufgaben droht entsprechend das Gegenteil: Arbeitsplatzverluste, geringere Wertschöpfung, sinkende Steuereinnahmen und Kaufkraft und schließlich strukturelle Probleme in der Region.

Was macht die Übergabe für Unternehmer und Unternehmerinnen so schwierig?

Die Nachfolgersuche ist oftmals schwierig, wenn aus der Familie oder dem Unternehmen kein Kandidat vorhanden ist – und zumindest ersteres ist immer häufiger der Fall: Schon die demografische Entwicklung in Deutschland bedingt weniger potenzielle Nachfolger.

Ist das der bestimmende Faktor?

Nicht unbedingt; es ist zumindest längst nicht der einzige. Hinzukommen Fachkräftemangel, Unsicherheit über die geschäftliche Zukunft, etwa in Bezug auf Veränderungen im Kaufverhalten, eine oft überbordende Regulatorik und Bürokratie sowie mangelnde Akzeptanz des Unternehmertums in der Gesellschaft. Oftmals wollen oder können die Altinhaber auch nicht loslassen. So eine Nachfolge ist schließlich keine einfache Entscheidung für jemanden, der sein Leben damit verbracht hat, etwas aufzubauen.

Und vor welchen Hindernissen stehen potenzielle Übernehmende?

Oft fordern Altinhaber einen hohen Kaufpreis – zumal wenn es auch um die Altersabsicherung geht. Das kann Übernahmewillige schon vor Finanzierungsprobleme stellen. Dazu können mangelnde Transparenz zu aktuellen Geschäftszahlen kommen oder versteckte Risiken, zum Beispiel Garantiefälle oder ein Investitionsstau. Zudem sind gerade kleinere Unternehmen stark abhängig vom Altinhaber: Er weiß alles, macht alles, entscheidet alles – es gibt keine klare Führungsstruktur, und damit hat der oder die Neue auch noch die zusätzliche Verantwortung, eine solche aufzubauen. Nicht zuletzt betreffen die Punkte Regulatorik und Bürokratie natürlich auch Übernahmewillige. Hier muss dringend abgebaut werden.

Auf der anderen Seite hat die Übernahme einer bestehenden Firma gegenüber der Gründung einer eigenen doch auch Vorteile…

Aber sicher, und nicht zu knapp! Zuvorderst natürlich ein funktionierendes Geschäftsmodell: Der oder die Übernehmende kann sofort starten und hat einen sofortigen Marktzugang. Mitarbeitende, Lieferanten, Kunden… alles ist bereits vorhanden und muss nicht mühsam angeworben werden. Auch eine Organisationsstruktur steht bereits. So kann man sich von Anfang an aufs Kerngeschäft konzentrieren. Auch die Finanzierung ist auf diese Weise oft einfacher zu stemmen, da Zahlen aus der Vergangenheit vorliegen, das Risikopotenzial eingrenzbar und eine Bonität bereits vorhanden ist. Die Unternehmensnachfolge ist also durchaus eine spannende Alternative zur Existenzgründung. Und Unternehmen, die einen Nachfolger suchen, gibt es auch genug….

Wann ist es für Inhaber Zeit, die Nachfolge zu regeln?

Wir empfehlen, sich mit Mitte 50 mit dem Thema zu beschäftigen, erste Überlegungen anzustellen und diese auch mit der Familie zu besprechen, um eine Strategie festzulegen. Denn: Eine Nachfolgereglung erfolgt in der Regel nicht von heute auf morgen. Zwei bis drei Jahre müssen schon eingeplant werden, in Einzelfällen sogar fünf bis zehn Jahre. Daher: Rechtzeitig externe Unterstützung in Anspruch nehmen! Unabhängig davon empfehlen wir Unternehmern, egal welchen Alters, sich mit der Notfallvorsorge zu beschäftigen: Was passiert, wenn der Unternehmer plötzlich ausfällt – durch Unfall, Krankheit oder Todesfall? Hierzu bietet die IHK ein kostenloses Notfall-Handbuch an. (Erreichbar hier: www.rhein-neckar.ihk24.de./notfallhandbuch)

Wenn wir mal beim Regelfall bleiben: Welche Hilfe kann die IHK Rhein-Neckar da leisten?

Wir bieten unseren Mitgliedern und potenziellen Übernehmenden schon seit vielen Jahren erfolgreich das „Moderatorenprogramm Unternehmensnachfolge“ an. Die Moderatoren informieren in einem Orientierungsgespräch zu wichtigen Aspekten einer Unternehmensnachfolge und begleiten den Prozess der Übergabe. Das Dienstleistungsspektrum reicht vom Aufzeigen von Nachfolgealternativen und Fördermöglichkeiten bis zur Hilfe beim Finden eines geeigneten Nachfolgers, sofern keine familieninterne Lösung möglich ist. Auch bei der Vorbereitung von Beratungen zu steuerlichen, rechtlichen und finanziellen Fragestellungen durch erfahrene Netzwerkpartner unterstützen die Moderatoren. Die Teilnahme ist kostenfrei. 

Gibt es darüber hinaus Fördermöglichkeiten für Übernahmewillige?

Ja, die gibt es: Etwa die Beratungsförderung durch den Gründungsgutschein Baden-Württemberg oder Förderkredite durch die L-Bank/Bürgschaftsbank Baden-Württemberg. Auch für Übergebende gibt es unter bestimmten Voraussetzungen den „Nachfolgegutschein“. Über alle diese Förderangebote informieren wir Übergebende und Übernehmende in unseren Beratungen.

Auf welche Probleme und Sorgen treffen Sie in Ihren Beratungsgesprächen bei Firmeninhabern?

Zunächst einmal natürlich auf die Sorge, keinen Nachfolger zu finden. Aber selbst wenn es dann Interessenten gibt, fällt das Loslassen oft schwer. Vor allem wenn der oder die Nachfolgende über Veränderungen spricht, kann es kritisch werden. Dazu kommt oft Ernüchterung beim Kaufpreis: Hier geht es nicht nur um rein wirtschaftliche Aspekte, sondern auch um Emotionen. Wer jahrelang seine ganze Energie in ein Unternehmen gesteckt hat, will nun sein Lebenswerk auch finanziell gewürdigt sehen. Das gelingt nicht immer.

Und wie sieht es auf der anderen Seite bei den Übernahmeinteressierten aus?

Hier steht bei den Sorgen meist der hohe Kaufpreis im Vordergrund, verbunden mit den Bedenken, ob sich die Investition auch rechnet: Wie wird sich der Markt entwickeln? Werden Mitarbeitende und Kundinnen bzw. Kunden die neuen Inhaber akzeptieren? Nicht selten wird den Übernahmewilligen auch erst im Prozess klar, welche Verantwortung sie übernehmen – für Mitarbeitende, für sich selbst, in manchen Fällen auch für einen großen Namen. Manche schrecken davor dann doch noch zurück. Aber: durch gute und qualifizierte Beratung und Unterstützung können diese Risiken identifiziert und beherrscht oder zumindest eingegrenzt werden.

Ergibt es in solchen Fällen Sinn, wenn Unternehmensinhaber auch nach der Übergabe noch im Betrieb weiterarbeiten?

Das ist unterschiedlich und muss auch von beiden Seiten gewollt sein. Eine befristete Einarbeitung des neuen Inhabers ist immer sinnvoll und notwendig. Aber in der Regel ist anschließend ein klarer Cut das Beste für alle Beteiligten.

Weitere Informationen

Kontakt

Christian Schwöbel
IHK Rhein-Neckar
06221 9017-679
christian.schwoebel@rhein-neckar.ihk24.de

(Erstellt am 05. März 2026)