Abschied eines Gestalters: Rückblick auf das Wirken von Landrat Dallinger
Nach 16 Jahren an der Spitze des Rhein-Neckar-Kreises endet am 30. April die Amtszeit von Landrat Stefan Dallinger. Mit einem Festakt in Angelbachtal wird er feierlich verabschiedet. Wir blicken zurück auf seine Amtszeit.
Seit seinem Amtsantritt am 1. Mai 2010 hat der Hirschberger die Entwicklung des Kreises in zentralen Zukunftsfeldern maßgeblich geprägt. In Dallingers Amtszeit fallen wichtige Weichenstellungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Mobilität, Bildung, Digitalisierung und Klimaschutz.
Mit strategischem Weitblick, Beharrlichkeit und einem klaren Gespür für die Herausforderungen der Zeit hat er den bevölkerungsreichsten Landkreis Baden-Württembergs als modernen, leistungsfähigen und zukunftsorientierten Kreis weiterentwickelt. Diese Entwicklung zeigt sich auch in den Zahlen: Das Haushaltsvolumen des Rhein-Neckar-Kreises stieg von rund 483,7 Millionen Euro im Jahr 2011 über 732,5 Millionen Euro im Jahr 2019 auf über eine Milliarde Euro im Jahr 2026. Zugleich steht dieser Anstieg für die stetig wachsenden Aufgaben, die Bund und Länder auf die kommunale Ebene übertragen – ein Themenfeld, das Dallinger während seiner gesamten Amtszeit intensiv begleitet und immer wieder politisch adressiert hat.
Von Anfang an auf Digitalisierung gesetzt
Ein prägendes Handlungsfeld in den 16 Jahren war für Stefan Dallinger die Digitalisierung. Bereits früh wurde der kreisweite Breitbandausbau auf den Weg gebracht und ab 2013 systematisch vorangetrieben. Mit der Inbetriebnahme des Glasfaser-Backbones im Jahr 2020 wurden entscheidende Grundlagen für die digitale Infrastruktur geschaffen. Parallel dazu entwickelte sich auch die Verwaltung konsequent weiter – von der Einführung der digitalen Kreistagsarbeit im Jahr 2015 bis hin zum Start des zentralen Serviceportals Ende 2024, das Bürgerinnen und Bürgern einen gebündelten Zugang zu Online-Dienstleistungen bietet.
Im Bereich der Gesundheitsversorgung setzte Dallinger früh auf eine nachhaltige Stärkung der kreiseigenen Strukturen. Mit umfangreichen Investitionen in die GRN-Kliniken wurde die wohnortnahe medizinische Versorgung konsequent ausgebaut. Dazu zählen große Bauprojekte wie das Bettenhaus in Sinsheim (2016) oder das Betreuungszentrum in Weinheim (2017).
Investitionen in GRN-Standorte
In den vergangenen Jahren wurden diese Investitionen weitergeführt und deutlich ausgeweitet: Mit dem rund 20 Millionen Euro umfassenden Neubau des Urologischen Zentrums in Eberbach (2022) sowie der Entscheidung für die bislang größte Baumaßnahme des Kreises – die Erweiterung der GRN-Klinik Sinsheim mit Unterstützung der Dietmar-Hopp-Stiftung (2021/geschätzte Kosten von circa 100 Millionen Euro) – wurden zentrale Weichen für die Zukunft gestellt. Mit der strategischen Neuausrichtung „GRN 4 Future“ wird dieser Weg nun konsequent fortgeführt.
Im Bereich der Mobilität hat der Kreis unter Landrat Dallinger seine Rolle als aktiver Gestalter deutlich ausgebaut. Mit der Fortschreibung von Nahverkehrs- und Radverkehrskonzepten, der Einführung neuer Regiobuslinien ab 2019 sowie der kontinuierlichen Förderung des Radverkehrs wurden nachhaltige Strukturen geschaffen. Projekte wie die geplanten Radschnellverbindungen zwischen Heidelberg und Wiesloch/Walldorf oder der Ausbau der Radinfrastruktur unterstreichen den Anspruch, Mobilität umweltfreundlich und zukunftsfähig zu gestalten.
Kreiseigene Bildungseinrichtungen gestärkt
Auch die Bildungslandschaft wurde gezielt gestärkt. Investitionen in Schulstandorte wie der Neubau der Louise-Otto-Peters-Schule in Hockenheim (2017 abgeschlossen) oder die Entwicklung der Lernfabrik 4.0 (ab 2015) haben die berufliche Bildung modernisiert. Mit dem Neubau der Steinsbergschule in Sinsheim, die 2024 gemeinsam mit einer Kindertagesstätte eröffnet wurde, hat der Rhein-Neckar-Kreis zudem einen weiteren modernen Bildungsstandort geschaffen. Gleichzeitig wurde die Digitalisierung der Schulen vorangetrieben und damit die Grundlage für zeitgemäße Lernformen gelegt.
Ein weiterer Schwerpunkt war der Klimaschutz. Bereits 2012 wurden Klimaschutzleitlinien beschlossen, in den Folgejahren kontinuierlich weiterentwickelt und zuletzt mit ambitionierten Zielen zur Klimaneutralität fortgeschrieben. Projekte wie die BioEnergietonne, der Ausbau erneuerbarer Energien oder die enge Zusammenarbeit mit allen 54 Kreiskommunen beim Klimaschutz zeigen, dass der Rhein-Neckar-Kreis hier eine Vorreiterrolle übernommen hat.
Strukturelle Entwicklung vorangetrieben
Über einzelne Projekte hinaus hat Stefan Dallinger den Rhein-Neckar-Kreis auch strukturell weiterentwickelt. Kreiseigene Gesellschaften wurden neu aufgestellt, Kooperationen gestärkt und neue Aufgabenfelder erschlossen. Ein prägendes Beispiel hierfür ist die Weiterentwicklung der AVR hin zu einer Anstalt des öffentlichen Rechts im Bereich Abfall und zu einer GmbH im Bereich Energie und Umwelt im Jahr 2020.
Themen wie Wirtschaftsförderung, Integration und soziale Teilhabe wurden aktiv gestaltet und als zentrale Bestandteile einer modernen Kreisentwicklung verankert. Dabei verstand sich Dallinger nicht nur als Verwaltungsleiter, sondern als Initiator und Impulsgeber für den gesamten Kreis. Er hat Entwicklungen angestoßen, Akteure vernetzt und den Rhein-Neckar-Kreis in der Metropolregion Rhein-Neckar sowie darüber hinaus sichtbar positioniert. Ein Beispiel dafür ist die Einführung der einheitlichen Behördenrufnummer 115 in der Region, die der Landrat mitinitiiert hatte.
"Öffentlicher Dienst ist zur Stelle, wenn man ihn braucht“
Eine weitere große Herausforderung stellte die Aufnahme und Integration von zugewanderten und geflüchteten Menschen dar, insbesondere in den Jahren ab 2015. Unter der Leitung von Landrat Dallinger wurden in kurzer Zeit Unterbringungs-, Betreuungs- und Integrationsstrukturen aufgebaut und anschließend kontinuierlich weiterentwickelt.
Ebenso prägend war für die Menschen im Rhein-Neckar-Kreis die Bewältigung der Corona-Pandemie ab dem Jahr 2020. Auch hier war Stefan Dallinger als Krisenmanager gefragt. Unter seiner Leitung wurden innerhalb kürzester Zeit neue Strukturen aufgebaut – von der Corona-Hotline über Testzentren bis hin zu Impfzentren mit hunderttausenden Impfungen. In diesen Ausnahmesituationen wurde ein Selbstverständnis sichtbar, das Dallingers Amtszeit insgesamt geprägt hat: die Kreisverwaltung als kompetenter und verlässlicher Dienstleister für die Bürgerinnen und Bürger. Verwaltung müsse gerade in Krisenzeiten handlungsfähig sein und Verantwortung übernehmen, war seine klare Haltung. „Der öffentliche Dienst ist zur Stelle, wenn man ihn braucht“, formulierte Dallinger mit Blick auf diese Zeit und würdigte damit zugleich den Einsatz der Mitarbeitenden, die diese Aufgaben mit großem Engagement und hoher Professionalität getragen haben.
Verwaltung im Wandel – mehr weibliche Führungskräfte
Auch innerhalb der Verwaltung hat Dallinger wichtige Impulse gesetzt. Mit der Mitarbeitendenbefragung im Jahr 2018 wurde ein umfassender Veränderungsprozess angestoßen, aus dem die „Grundsätze zu Zusammenarbeit und Führung“ hervorgegangen sind. Sie stehen für ein modernes Führungsverständnis, das auf Dialog, Wertschätzung und Beteiligung basiert.
Ein besonderes Anliegen war ihm zudem die Förderung von Frauen in Führungspositionen. Während seiner Amtszeit wurde die Führungsebene des Landratsamtes deutlich weiblicher, zeitweise wurden zwei Dezernate von Frauen geleitet. Heute ist im gesamten „Konzern Rhein-Neckar-Kreis“, von dem der scheidende Landrat immer gerne sprach, knapp die Hälfte der Führungskräfte weiblich.
Ein prägendes Wirken für den Rhein-Neckar-Kreis
Erster Landesbeamter Stefan Hildebrandt, der seit über fünf Jahren Dallingers Stellvertreter ist, würdigt dessen Amtszeit: „Stefan Dallinger hat den Rhein-Neckar-Kreis über viele Jahre hinweg mit großem Engagement und strategischem Weitblick geführt. Als Landrat war er kein Verwalter, sondern vielmehr Gestalter und Impulsgeber für den gesamten Kreis. Er hat zentrale Zukunftsthemen frühzeitig erkannt und den Landkreis in entscheidenden Bereichen nachhaltig vorangebracht. Eine besondere Stärke war dabei seine Fähigkeit, unterschiedliche Positionen im Kreistag zusammenzuführen und tragfähige Entscheidungen zu ermöglichen, die den Rhein-Neckar-Kreis insgesamt vorangebracht haben. Sein Wirken reicht weit über einzelne Projekte hinaus und wird den Landkreis auch in Zukunft prägen.“
Meilensteine in der Amtszeit von Landrat Stefan Dallinger (2010 – 2026):
2010: Spatenstich AVR-Müllumladeanlage in Hirschberg, Einführung der Strategischen Ziele im Zusammenhang mit dem Haushalt
2011: Einrichtung der Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Einführung der einheitlichen Behördenrufnummer 115
2012: Verabschiedung der Klimaschutzleitlinien, Einführung der BioEnergietonne
2013: Start des kreisweiten Breitbandprojekts, Neugliederung der AVR in Kommunal und UmweltService
2014: Gründung des Zweckverbands fibernet, neues Schulgebäude der Helen-Keller-Schule in Weinheim
2015: Spatenstich Neubau Louise-Otto-Peters-Schule Hockenheim, Beschluss Mobilitätskonzept Radverkehr
2016: Inbetriebnahme Bettenhaus GRN-Klinik Sinsheim, 5.100 geflüchtete Menschen sind in 62 Gemeinschaftsunterkünften des Kreises in 28 Kreiskommunen vorläufig untergebracht
2017: Neubau GRN-Betreuungszentrum Weinheim, Weiterentwicklung der Lernfabrik 4.0
2018: Spatenstich Biovergärungsanlage Sinsheim, Wiederwahl
2019: Einführung Regiobuslinie Sinsheim–Mosbach, Inklusionsbeirat für Menschen mit Behinderung nimmt Arbeit auf
2020: Aufbau Corona-Infrastruktur, AVR wird Anstalt des öffentlichen Rechts
2021: Kreisimpfzentren Sinsheim und Weinheim nehmen Betrieb auf, Kreistag strebt Klimaneutralität bis 2040 an
2022: Abschluss Urologisches Zentrum GRN Eberbach, Kreissporthallen Weinheim und Schwetzingen werden wegen des Ukraine-Kriegs vorübergehend Notquartier für geflüchtete Menschen
2023: Jubiläum 50 Jahre Rhein-Neckar-Kreis
2024: Einweihung Steinsbergschule Sinsheim mit Kindertagesstätte
2025: Vorstellung „GRN 4 Future“, Zertifizierung als Fairtrade-Landkreis
2026: Ende der Amtszeit von Landrat Stefan Dallinger



