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Zum europäischen Protesttag der Menschen mit Behinderungen:

Interview mit dem kommunalen Behinderten-
beauftragten

Porträt des Behindertenbeauftragten
Patrick Alberti ist kommunaler Behindertenbeauftragter des Rhein-Neckar-Kreises.

Der europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai fällt mitten in die Corona-Krise. Und sie bringt wie ein Brennglas gesellschaftliche Verhältnisse zum Vorschein – auch was den Umgang mit Menschen mit Behinderungen betrifft, findet der kommunale Behindertenbeauftragte des Rhein-Neckar-Kreises, Patrick Alberti, der sich im Interview wie folgt äußert:

Herr Alberti, welche Schwierigkeiten ergeben sich für Menschen mit Behinderungen durch die aktuelle Corona-Krise?

Es beginnt schon mit dem Zugang zu Informationen. Beispielsweise spielt Gebärdensprache bei uns in Deutschland immer noch keine große Rolle. Gehörlose Menschen klagen zurecht, dass sie keinen Zugang zu aktuellen Informationen hatten. Ich freue mich sehr darüber, dass sich das langsam ändert. Das Robert-Koch-Institut zum Beispiel hält seine Pressekonferenzen mit Gebärdensprachdolmetscherinnen ab und auch bei den Pressekonferenzen der Landesregierung gibt es nun Gebärdensprache. Das ist gut so und ich hoffe, dass das auch nach der Krise endlich zu einer Selbstverständlichkeit wird. Das gleiche gilt für das Thema Leichte Sprache. Es gibt so viele Menschen, die auf leicht verständliche Infos angewiesen sind. Darum sehe ich die Institutionen in der Verantwortung, Informationen auch in Leichter Sprache zur Verfügung zu stellen.

Welche Probleme gibt es noch?

Kontaktbeschränkungen sind nicht nur für Menschen mit Behinderungen herausfordernd. Die gewohnte Alltagsroutine geht verloren und die häusliche Isolation führt bei vielen Menschen zu einer Vereinsamung, damit steigt auch die Gefahr für psychische Erkrankungen. Eine Behinderung macht die Situation nicht einfacher: Menschen mit Behinderungen, die zum Beispiel alleine wohnen, aber auf Assistenz angewiesen sind, stehen vor dem Problem, dass sie körperliche Nähe zu vielen wechselnden Personen haben. Was machen die, wenn es
keine Schutzmasken und Desinfektionsmittel gibt? Das gilt auch für ältere Menschen, die zuhause gepflegt werden. Eltern von Kindern mit Behinderung haben plötzlich dauerhaft die Belastung von Beruf und Pflege und erhalten nur wenig bis gar keine Unterstützung. Das stellt viele Menschen vor große Herausforderungen.

Was sagen Sie zu den bislang beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus?

Die aktuelle Entwicklung der Infizierten-Zahlen zeigt ja, dass sie helfen – aber sie sind fraglos auch ein großer Eingriff in die Freiheitsrechte. Wir müssen daher aufpassen, dass wir hier nicht den Fehler machen, die Rechte einer Gruppe zu beschränken, damit andere Gruppen mehr Freiheiten genießen können. Denn das widerspräche nicht nur dem verfassungsrechtlichen Gleichbehandlungsgebot, sondern würde eine Ausgrenzung von älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen befördern. Die pauschale Einteilung in Risikogruppen verstärkt dies noch.

Können wir aus der Corona-Krise etwas für die Zukunft lernen?

Die Diskriminierungen in unserer Gesellschaft werden in der Krise nochmal deutlicher. Menschen werden zum Beispiel pauschal aufgrund ihres Alters oder einer Behinderung in eine „Risikogruppe“ eingeteilt. Das ist verallgemeinernd, in der Diskussion geht der einzelne Mensch komplett unter. Wenn wir diese Menschen dann weiter aus dem öffentlichen Raum fernhalten, sind sie noch weniger sichtbar. Behinderung wird in unserer Gesellschaft extrem negativ bewertet. Das zeigt sich auch daran, dass über 90 Prozent der Kinder mit Behinderung abgetrieben werden. Darum benötigen wir gerade jetzt eine breite öffentliche Diskussion darüber, wie wir als Gesellschaft zusammenstehen möchten. Wir brauchen gesellschaftlichen Zusammenhalt statt Ausgrenzung, wenn wir künftige Krisen und Probleme lösen wollen. Dazu benötigt einen breiten politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Und zwar unter echter Beteiligung der Menschen, die es betrifft. Nicht als Risikogruppe, nicht als hilfsbedürftige Leistungsempfänger, sondern als selbstbestimmte Bürgerinnen und Bürger, die selbst am besten wissen, was zu tun ist, um Benachteiligungen abzubauen.

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