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Der ExotenwaldEine dendrologische Kostbarkeit
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Verläßt der Besucher die Weinheimer Altstadt, geht er durch das Schloß und den unteren Schloßpark nach Osten, so stößt er hinter dem Tor des Parks unmittelbar auf den „Exotenwald“. Wie ein Keil schiebt sich dieses Waldgebiet zwischen den Baugebieten des Müllheimer Tales und des Prankel mitten in die Stadt. Zusammen mit Großem und Kleinem Schloßpark und dem Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof zählt es zu „Weinheims Grünen Meilen“, den besonders sehenswerten Grünflächen dieser Stadt. Weinheim liegt an der Bergstraße, jenem Gebiet, das die Wärme und Klimagunst der Rheinebene mit den Niederschlägen des aufsteigenden Odenwaldes verbindet. Die Mandelblüte im zeitigen Frühjahr, das Reifen von Zitronen und Feigen und der Wein hoher Qualität kennzeichnen diese klimatische Besonderheit. Es ist daher nicht überraschend, wenn Christian Freiherr von Berckheim versucht, die bereits vorhandene, noch heute beindruckende exotische Vielfalt seines Schloßparks über dessen Mauern hinaus nach Osten in ein landschaftlich reizvolles Gebiet mit Gärten, Weiden und kleineren Wäldchen zu erweitern. Heute ist aus dieser Erweiterung eine dendrologische Besonderheit geworden, die dem Fachmann ebenso wie dem fachlichen Laien einen besonderen Einblick in eine weltweite Baumartenvielfalt ermöglicht. Sie ist gleichzeitig in unmittelbarer Stadtnähe ein Gebiet der Ruhe und der Erholung geworden.
Wie es zum Exotenwald kam:Geschichtliche Entwicklung – Gründerphase
Ursprünglich aus dem Elsaß stammend waren die Freiherren von Berckheim Ende des 18. Jahrhunderts nach Weinheim gekommen. Meist als Militärs bzw. Höhere Verwaltungsbeamte waren sie am Großherzoglichen Hof in Karlsruhe tätig. Der Begründer des Exotenwaldes, Christian Friedrich Gustav (1817 – 1889), war zuletzt Staatsminister und Großhofmeister am Hof in Karlsruhe. Dort wohnte er auch nach seiner Heirat ab 1844. Erst 1871 kam die Familie nach Weinheim zurück. Das Ziel, ein Waldgebiet mit fremdländischen Bäumen – die damals als „Exoten“ bezeichnet wurden – zu begründen, reifte allerdings schon früher. In den 60-ziger Jahren des 19. Jahrhunderts kaufte von Berckheim Flächen östlich seines Schloßparks in den Gewannen Sommerhalde, Wichtersgasse, Gassenweg, Judenbuckel und Weihertal an. Hierdurch entstand ein weitgehend arrondierter Besitz von rund 36 ha Fläche. Angekauft wurden kleine Wäldchen, vor allem aber Weideflächen und Gärten. Letzteres ist heute noch an der Geländemorphologie (Terrassierung) und an der Vegetation in einigen Waldbeständen des Exotenwaldes erkennbar. „Exoten“ - Anbau war übrigens in dieser Zeit an Höfen und in Parks durchaus Mode. Fremdländische Bäume konnten auch vergleichsweise einfach von hierfür spezialisierten Baumschulen bezogen werden. Die „Exoten“ bei der Begründung wurden fast ausschließlich von europaweit bekannten Spezialbaumschulen in Orleans, Gent und Exeter bei London bezogen. Geliefert wurden in aller Regel Topfpflanzen, dabei sowohl Sämlinge wie auch mehrjährige Pflanzen. Diese Beschaffungen waren mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden, zumal ja vor allem für die Flächenbepflanzungen große Stückzahlen gebraucht wurden. Allein für die Waldbestände pflanzte und besserte von Berckheim in der ersten Gründerphase zwischen 1872 und 1883 12.494 Bäume nach.
Eigentlich eine Art Schloßpark
Die Motivation von Berckheims für den Exotenanbau ist letztlich nicht bekannt. Durch den flächenhaften Anbau von Waldbeständen fremdländischer Baumarten ging er sicherlich über die seinerzeitige Mode deutlich hinaus. Die verschiedentlich in früheren Veröffentlichungen vertretene Meinung, der Anstoß sei die Folge eines Amerika – Aufenthaltes gewesen, konnte nicht bestätigt werden.
Detailliert durchgeführte Planungen und das in der ersten Anbauphase akribische Festhalten an diesen Plangrundlagen legen ebenso wie die fachliche Beratung durch die Gartenbaudirektoren Zeiher (Karlsruhe) und Schnittspahn (Bensheim – Auerbach) heute eher die Vermutung nahe, daß von Berckheim seinen Schloßpark erweitern wollte. Daher plante und baute er in den ersten Jahren ein Wegenetz, das für Kutschfahrten geeignet war und das an den Eigentumsgrenzen jeweils mit Rondellen zum Wenden der Kutsche endete. Gleichzeitig sah er längs der Wege Alleen mit den damals seltensten und als Besonderheit empfundenen Bäumen und Sträuchern vor. An Wegekreuzungen sollten größere Flächen dieser Gewächse entstehen. Und dann sollten Sitzgruppen mit massiven Sandsteintischen und Bänken gebaut werden, die nach Familienmitgliedern auf den Plänen bereits benannt waren. Die heute noch vorhandene Sitzgruppe an der „Ida – Bank“ stammte aus den Ausführungen dieser ersten Planungen. Jetzt erst kam der eigentliche Wald. Sofern nicht auf den steileren Geländeteilen bereits kleinere Waldflächen vorhanden waren, forstet von Berckheim zwischen den alleengesäumten Wegen Waldbestände auf. Insgesamt 15,9 ha! – auch unter den heutigen Waldverhältnissen eine erstaunlich große Fläche. Auch hier greift von Berckheim auf das reichhaltige Baumschulangebot großzügig zurück und es entstehen die Grundlagen der heutigen, sehenswerten Altbestände. Dies sind vor allem die Mammutbäume (Sequoiadendron giganteum), die Jeffrey - Kiefern (Pinus jeffreyi), die Gelbkiefern (Pinus ponderosa), Flusszedern (Calocedrus decurrens), Riesen – Lebensbäume (Thuja plicata). Von Berckheim hatte diese Vorgehensweise - längs der Wege exklusiven Alleen mit einer reichen Auswahl an Bäumen und Sträuchern und dann die Zwischenpflanzung zwischen den Alleen mit weitgehend einheitlichen, fremdländischen Waldbeständen in seiner Dienstzeit in Karlsruhe quasi „vor der Haustüre“ verfolgen können und er versucht sie nun in Weinheim von Fachleuten beraten so umzusetzen.
Anbau in Waldbeständen
Dem heutigen Exotenwaldbesucher wird das Berckheim’sche Konzept nur noch bei sehr aufmerksamer Betrachtung am unteren Kastanienwaldweg vom östlichen Schloßparkausgang her deutlich. Sucht er bewußt nach den dickeren Bäumen, so hebt sich plötzlich die alte Allee von den umgebenden Waldbeständen ab. Aber eigentlich ist die heutige Situation ganz anders als es sich von Berckheim ausgedacht hatte. Von vielen Baum- und Straucharten kannte man damals (wie auch heute vielfach) die exakten Standortsansprüche, ihr Wuchsverhalten und ihre Empfindlichkeiten nicht. Aber gerade das Exotenwaldgebiet ist ein Raum unterschiedlichster, ja zum Teil gegensätzlicher Standortsverhältnisse und damit ein ausgesprochen kompliziertes Anbaugebiet nicht nur für fremdländische Baumarten. Von Berckheim muß dies bereits in den ersten Jahren nach dem Beginn des Anbaus erkennen. Mit eiserner Konsequenz bessert er zunächst die Ausfälle aufwendig nach. Es gelingt ihm dabei in einigen Fällen, Bestände auf weniger geeigneten Standorten gegen die Natur „durchzuzwingen“. Sie leben z. T. heute noch. Wie z. B. der Lawson – Scheinzypressenbestand (Chamaecyparis lawsoniana). Doch jedes trockene Jahr, jede kleine Kalamität fordert daher bis heute Opfer von diesem nach wie vor labilen Bestand. Erst der strenge Winter 1879 / 80 zwingt zum Umdenken: Viele Ausfälle werden durch heimische Baumarten oder durch Exoten, von denen man weiß, daß sie unter unseren Voraussetzungen überleben, ersetzt. Die teuren Alleen beginnen sich zunehmend aufzulösen. Viele Baum- und Straucharten kommen mit dem Weinheimer Klima, andere mit den örtlichen Bodenverhältnissen nicht zurecht. Mangelnde Pflege in der Zeit, als der Exotenwaldbegründer nicht mehr für seine Bäume „sorgen“ konnte, verstärkten die Auflösungen und Ausfälle weiterhin. Von ca. 150 Baum- und Straucharten der Gründerzeit sind rund 50, die meisten in den verschiedenen Waldbeständen übrig geblieben. Die Alleen sind bis auf wenige Ausnahmen verschwunden. Viele, der Gestaltung zum Park zuzuordnende Baumaßnahmen sind nicht vollzogen worden. Geblieben ist der Wald, die Grundlage des heutigen Exotenwaldes. Rund 50 Baumarten sind auch unter heutigen Gesichtspunkten eine respektable Größenordnung, wenn man bedenkt, daß von den bis heute gepflanzten ca. 400 Baum- und Straucharten gerade einmal 170 übrig geblieben sind.
Das Kleinod der Gründerzeit:Der alte Mammutbaumbestand
Er ist zweifelsohne der beeindruckendste Bestand des Exotenwaldes. Die höchsten Bäume – zwischenzeitlich gerade einmal 135 Jahre alt – haben fast 60 m Höhe erreicht. Durch ihre rot leuchtende, weiche und dicke Rinde heben sich die Baumriesen deutlich von den umgebenden Nachbarbeständen ab. Dabei werden diese aus den Gebirgen der südwestlichen USA stammenden Bergmammutbäume (Sequoiadendendron giganteum) bis zu 80 m hoch, bis zu 3500 Jahre alt und erreichen Durchmesser von 10 m und mehr. Dass unsere Bäume noch in ihrer Jugendphase sind – auch wenn sie einheimische Bäume schon weit überragen – zeigen sie auch durch ihre immer noch spitze Krone. Wirklich alte Mammutbäume flachen ihre Krone nach oben hin ab. Ziel der Exotenwaldbewirtschaftung und –pflege ist es, die fremdländischen Bäume so alt wie möglich werden zu lassen. Wir haben daher noch einiges vor! Aber auch der Rückblick ist interessant: Zwischen 1873 und 82 pflanzt von Berckheim auf mehr als 2 ha Fläche 1460 Mammutbäume. Der Bestand soll etwas Besonderes werden. Selbst die sonst obligatorische Alleenpflanzung wird in diesem Bereich weggelassen. Die ersten Pflanzenlieferung ist bemerkenswert: Die 1128 Bäumchen kommen mit Schiff und Fuhrwerk von der Firma Veitch in Exeter bei London als 4-jährige Topfpflanzen nach Weinheim. Jede dieser Pflanzen kostet 2 Guineen, entsprechend 43 Goldmark. Die späteren Nachbesserungen kommen dann als kleinere und preiswertere Pflanzen aus Orleans. Doch auch hier muß von Berckheim spätestens um 1880 umdenken. Auf mehreren Ausfallflächen bessert er nun mit verschiedenen Tannenarten und Fichten nach. Im Gegensatz zu den Mammutbäumen gedeihen diese rasch und beginnen bereits um 1900 zur ernsten Gefahr für die noch vorhandenen Mammutbäume zu werden. Diese müssen daher bis in die 70 er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer wieder gegen die Fichten- und Tannenkonkurrenz freigepflegt werden. Heute ist der Bestand dieser Gefahr nicht mehr ausgesetzt. Dennoch gibt es immer wieder Probleme, die seine Entwicklung in Frage stellen. Zuletzt war es das Trockenjahr 2003. Nach einem vergleichsweise regenreichen Frühjahr blieben die Niederschläge bis in den späten Herbst weitgehend aus. Die Sommertemperaturen steigerten sich auf ein bisher kaum gekanntes Maximum. Nadelbäume reagieren auf solche Situationen durch das Abtrocknen und zum Teil Abwerfen der jeweils älteren Nadeljahrgänge ab etwa August. So auch unsere Mammutbäume. Doch üblicherweise macht diese Entwicklung vor den jüngsten und wichtigsten Nadeljahrgängen halt. Unsere Mammutbäume ließen aber einen Großteil dieser Triebe ebenfalls abtrocknen. Nur noch einige wenige grüne Zweige führten zu einer alarmierenden Situation. Umfangreiche Beregnungsmaßnahmen mit Hilfe von Feuerwehr und Stadtwerken waren in den kritischen Bestandesteilen bis ins Frühjahr 2004 hinein notwendig. Die Mehrzahl der beängstigend aussehenden Bäume ist zwischenzeitlich gerettet und reagiert wieder mit der Bildung neuer Zweige. Drei Mammutbäume allerdings überlegen es sich noch, ob sie weiter machen wollen. Die kritische Situation von 2003 ist auch heute noch an vielen Bäumen auch für den Laien deutlich erkennbar.
Wiedererwachen aus dem Dornröschenschlaf:Der Exotenwald bis nach dem 2. Weltkrieg
Mit dem Sohn des Exotenwaldbegründers ließ das Interesse der seit 1900 „gräflichen“ Familie am Anbau fremdländischer Baumarten bis etwa 1925 deutlich nach. In dieser 40-jährigen Phase werden keine weiteren fremdländischen Bäume mehr angebaut. Die vorhandenen Pflanzungen werden vielfach von einheimischen, vitaleren Baumarten überwachsen oder durch die häufig vorkommende Waldrebe sehr stark geschädigt. Daneben fehlt die fachliche Qualifikation vieler Bewirtschafter, so daß beispielsweise um 1925 der Bestand der Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens) im Weihertal bis auf einen Baum aus Unkenntnis zusammen mit der umgebenden Fichte zu Brennholzzwecken eingeschlagen wurde. Erst der Enkel des Exotenwaldbegründers, Dr. Philipp Christian Graf von Berckheim, zeigt wieder Interesse am Exotenanbau. Möglicherweise gelang es dem seinerzeitigen Forstmeister Wendt und dem mit der gräflichen Familie befreundeten Forstmeister Graf von Spee – beide dendrologisch fundiert interessierte Forstleute – den Grafen zu motivieren. Bis zum 2. Weltkrieg werden daher in diesem Jahrzehnt noch 8,25 ha neu mit fremdländischen Baumarten begründet. Ehe der Exotenwald 1955 verkauft wird, kommen dann nochmals 2,8 ha fremdländischer Bestände neu dazu (heute sind es im Durchschnitt um 0,2 – 0,3 ha, welche pro Jahr neu mit Exoten angepflanzt werden). Doch noch ein weiterer Umstand macht gerade diese Zeit für den Exotenwald wichtig: 1929 kommt Wilhelm Fabricius als Forstassessor nach Weinheim. Später wird er – mit zeitlichen Unterbrechungen - Forstamtsleiter bis 1960. Fabricius ist dendrologisch interessiert und gleichzeitig ein Meister forstlich-dendrologischer Öffentlichkeitsarbeit. Mit ihm, einer Vielzahl von Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, seinen ersten Exotenwaldführern für die Öffentlichkeit und seinem Engagement in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG), deren Präsident er später wird, erhält der Exotenwald die Grundlage für seine heute europaweite Bekanntheit. In dieser Zeit geht der Exotenwald durch Prof. Dr. C. A. Schenck – einem fachlichen Freund von Wilhelm Fabricius – auch in das damalige Standardwerk der „Fremdländischen Wald- und Parkbäume“ mit einer Vielzahl von Beispielen ein. Der Exotenwald ist seitdem gleichsam Bestandteil allgemeiner dendrologischer Fachliteratur.
Die verschwundenen Bäume:Großblättrige Japanische Magnolien
Als im Frühjahr 1990 das Sturmtief „Wiebke“ durch Süddeutschland sauste, hinterließ es auch im Exotenwald Spuren – auch wenn sie vergleichsweise harmlos ausfielen. Oberhalb des heutigen Bestandes der Großblättrigen Japanischen Magnolie riß er ein kleines Loch in den damals rund 60 jährigen Mischbestand. Bedauerlich, für den Exotenwald aber eigentlich nicht so sehr schlimm! Anders empfanden dies 3 Magnolienbäume: Sie standen zuvor mitten in einem recht dichten, geschlossenen Baumbestand. Nach dem Sturm waren sie plötzlich zu Randbäumen geworden: frei der Sonne und der Witterung ausgesetzt. Viele Baumarten haben wie unsere Magnolien mit einem solchen Wechsel große Schwierigkeiten. Sie „empfinden“ diese Situation als lebensbedrohlich, zumal sie ihre Belaubung an Licht und Schatten am jeweiligen Standort angepaßt haben. Die Folge war, dass unsere Magnolien plötzlich – wie in ihrer Jugend – größere Blätter austrieben, zu blühen begannen und überreichlich Samen abzuwerfen anfingen. Dabei hatte man diese 3 Bäume im älteren Bestand fast vergessen: Mitte der 30 er Jahre war in diesem Bereich der gesamte Waldbestand kahlgeschlagen worden, um dringend notwendige Geldmittel für den Waldbesitzer zu beschaffen. Forstleute sprachen damals über die Kahlhiebsfläche als „Finanzloch“. Die Wiederaufforstung erfolgte dann aus dem gleichen Grund vergleichsweise sparsam. Ein Großteil der Bäume waren Douglasien und einheimische Baumarten, lediglich in Teilflächen wurden japanische Baumarten wohl in Gruppen dazugepflanzt: Katsurabäume (Cercidiphyllum japonicum) auf der damals größten Fläche, Japanische Lärche (Larix kaempferi) und eben unsere Großblättrige Japanische Magnolie (Magnolia hypoleuca). Dann kam die Zeit des 2. Weltkriegs und durch mangelnde Pflege gingen viele dieser Exoten wieder verloren. Doch 3 Magnolien schafften es, sich in dem zwischenzeitlich von Douglasien und einheimischen Laubbäumen dominierten Bestand zu halten. Eine nicht ganz einfache Angelegenheit: Die Kronen waren zwischen den Konkurrenten eingeklemmt und die arttypischen, großen Blätter wurden dadurch deutlich kleiner. Es war also nicht verwunderlich, wenn der forstliche Planer in aller Regel einfach übersah. Die Großblättrigen Japanischen Magnolien waren verschwunden. Wiebke hatte diese Situation nachhaltig verändert. Plötzlich wuchsen auf der kleinen, sturmbedingten Kleinfläche Bäumchen mit überdimensional großen Blättern: Die natürliche Verjüngung unserer Japanischen Magnolie. Das Forstamt reagierte darauf damit, dass es die Fläche größer machte und mit dem Douglasienbestand abrückte. Die Großblättrigen Japanischen Magnolien nahmen dieses Angebot wahr und in den letzten 15 Jahren entstand auf diese Weise ein ganzer Jungbestand dieser besonderen Bäume. Die „alten“ Bäume stehen noch immer am unteren Rand der Fläche. Ihre Krone trägt in jedem Jahr eine Fülle der ca. 15 cm breiten, cremefarbigen Blüten, die einladend nach Vanille duften. Im Herbst hängen dann ihre wie scharlachrote, große Gewürzgurken aussehenden Früchte an den Bäumen, in welche die kaffeebohnengroßen, orangefarben leuchtenden Samen der Baumart aufgereiht sind.
Er folgt noch immer der Mode:Exotenanbau im Wandel der Zeit
Der Exotenanbau hat zeitliche Schwerpunkte: Zunächst ist es die Gründerzeit, dann der Zeitraum bis zum Verkauf des Waldes an das Land 1955 und als dritter der Zeitraum von 1955 bis heute. Vergleicht man die Pflanzenlisten dieser drei Anbauperioden, so haben die Herkünfte der Pflanzen gewisse Schwerpunkte, die ihrerseits schon sehr von Moden und von politischen Situationen und der damit verbundenen Pflanzenverfügbarkeit geprägt sind. Von Berckheim pflanzt weit überwiegend nordamerikanische Baumarten. Lediglich die Zedernbestände (Atlaszeder und Libanonzeder) stellen eine Ausnahme dar. Er hat damit die Bäume der großen weiten Welt und der unbegrenzten Möglichkeiten in seinen Wald gebracht. Typische Vertreter dieses Anbaus sind die Berg- (Sequoiadendron giganteum) und die Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens). Die Zeit vor dem 2. Weltkrieg ist dagegen von der Öffnung nach Ostasien und hier vor allem Japan geprägt. Dem folgt tatsächlich eine Anbauwelle von Bäumen aus diesem Gebiet. Die Großblättrige Japanische Magnolie (Magnolia hypoleuca), die Sicheltanne (Cryptomeria japonica) und der Katsurabaum (Cercidiphyllum japonicum) sind neben anderen hervorstechende Bäume aus dieser Zeit. Bezeichnend ist allerdings, daß man weniger auf das weite Spektrum markant blühender, „schöner“ Bäume zurückgegriffen hat, sondern bei der Auswahl das Holz und seine Verwendung im Blick hatte. Den dritten Anbauabschnitt kennzeichnet eher die Breite des Angebots- aber auch des Anbauspektrums. Südamerikanische und neuseeländische Pflanzen bereichern das bisher europäische, asiatische, nordamerikanische und nordafrikanische zusätzlich. Aber auch aus Ostasien (vor allem China und Korea) stammende Baumarten nehmen an Bedeutung zu. Der Wandel zum Erholungswald spiegelt sich in einem höheren Anteil optisch interessanter, blühender oder markant herbstfärbender Baumarten wider. Hierzu gehören z. B. der Zuckerahorn (Acer saccharum), die Scharlacheiche (Quercus coccinea) ebenso wie die Lilienmagnolie (Magnolia denudata) und der Kalifornische Blüten-Hartriegel (Cornus nuttallii). Die große Spreitung des geeigneten, fast weltweiten Angebots zwingt zur Festlegung einer langfristigen Anbaukonzeption für das gesamte Waldgebiet.
Der Exotenwald im Eigentum des Landes:1955 bis heute
Am 24.08.1955 verkauft Constantin Graf von Berckheim den Exotenwald für 450.000 DM an das Land Baden-Württemberg. Die Waldfläche beträgt 36,4 ha. Bis heute hat sich die Waldfläche durch Zukäufe und einen Waldtausch mit der Stadt Weinheim auf rund 60 ha erweitert. Den Tausch vollzog die Stadt Weinheim unter der Bedingung, daß diese Flächen künftig in der Art und Weise der bisherigen Exotenwaldbewirtschaftung weiterentwickelt würden.
Ziele der Exotenwaldbewirtschaftung
Die erste forstliche Betriebsplanung 1956 definiert die Aufgaben der neu zugekauften Fremdländerbestände als „Versuchsbestände“. Dazu sollen allerdings nur Baumarten herangezogen werden, die auch einen forstwirtschaftlichen Erfolg bei einem späteren, großflächigen Anbau zu versprechen scheinen. Der Exotenwald selbst wurde allerdings nicht unter erwerbswirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen. Damit wird noch einmal die bereits in den 30-er Jahren festgelegte Zielsetzung weitergeführt hin zu wertvollen oder schnell wachsenden „Rohstofflieferanten“. Aber bereits 1970 ändert sich diese Zielsetzung grundlegend: Die strenge Wissenschaftlichkeit der Anbauten als Versuchsbestände der genannten Baumarten fällt ebenso weg wie die Beschränkung auf ertragsversprechende Baumarten. Der Exotenwald soll in erster Linie dem Anbau dendrologisch interessanter Baumarten dienen und gleichzeitig als unmittelbar stadtnaher Erholungswald gestaltet werden. Damit entspricht man wieder der ursprünglichen, seinerzeit an privaten Interessen ausgerichteten dendrologischen Tradition der Gründerzeit. Die darauffolgenden forstlichen Betriebsplanungen ändern diese Zielsetzung in ihrer Gewichtung nicht mehr. Bemerkenswert ist allerdings die Erweiterung auf Straucharten, die für die betreffenden Herkunftsgebiete landschaftstypisch sind und die das Baumartenspektrum markant bereichern können. Es ist Aufgabe des Exotenwaldbewirtschafters geworden, den Wald der Öffentlichkeit näher zu bringen. 1988 wird auf der Grundlage umfangreicher Besucherbefragungen ein Rundwegekonzept entwickelt und es werden für Laien verständlich geschriebene Schilder für die wichtigsten Bestände aufgestellt. Dem interessierten Besucher kann seit 1985 ein von Werner Barth verfaßter Exotenwaldführer, seit 1991 zudem ein kostenloser Kurzführer an die Hand gegeben werden. 1997 folgt anläßlich des 125-jährigen Fremdländeranbaus im Exotenwald ein Kompendium zur bisherigen Entwicklung des Exotenwaldes für Fachleute und schließlich 1998 ein Farbbildband für interessierte Laien.
Wie es weitergehen soll:Pflanzenbeschaffung und Regionalisierungskonzept
Während in den 50-er Jahren vielfach die Bäume der Gründerzeit beerntet wurden, setzte sich in den 60-er Jahren der Ankauf „neuer“ Pflanzenarten für den Exotenwald durch. Dies war möglich geworden, weil sich Spezialbaumschulen für fremdländische Bäume und Sträucher entwickelt hatten, welche eine gesicherte Herkunft ihrer Pflanzen garantieren konnten. Auch wenn heute die Holzproduktion nicht mehr im Vordergrund steht, wird bei den Pflanzenbeschaffungen hierauf besonderer Wert gelegt, um qualifizierte Aussagen zum Gedeihen einer Art treffen zu können – natürlich unter den Weinheimer Bedingungen. Der Rückgang des allgemeinen Bedarfs an Exoten, der seit den 70-er Jahren einsetzte, führte in den Baumschulen zu einer Umorientierung auf „veredelte“ Zuchtformen. Damit wurde die Pflanzenbeschaffung deutlich schwieriger. In den 80-er Jahren beginnend setzte dann auch in diesem Bereich eine Rückbesinnung auf heimische Baum- und Straucharten ein, so daß die Pflanzenbeschaffung – die ja im Exotenwald immer in größeren Stückzahlen für Waldbestände erfolgen sollte – durchaus abenteuerliche Züge annahm: Pflanzen oder Saatgut müssen oft jahrelang vorher bestellt werden und daneben entwickelt sich eine dendrologische „Schnäppchenwirtschaft“. Das bedeutet, daß Forstamtsleiter und zuständiger Förster Spezialbaumschulen, andere Exotenwälder und spezielle Forstbetriebe besuchen und eher zufällig entdeckte Pflanzensortimente aufkaufen. Gerade die einst auf Hochleistungszüchtung ausgerichteten Spezialbaumschulen der ehemaligen DDR boten nach der Wende hier eine reiche Fundgrube. Gleichzeitig war es aber nicht immer durchzuhalten, Flächen zu begründen, die in der erstrebenswerten Größe von 0,2 ha lagen. Nach wie vor werden heute dennoch pro Jahr 3 – 5 neue Baum- bzw. Straucharten der Exotenwaldliste hinzugefügt. Bereits 1990 wurde ein für den Exotenwaldbetreuer verbindliches Pflanzungskonzept entwickelt. In Anlehnung an den sehr sehenswerten Exotenwald in Tervuren / Belgien wurden die weltweit vorhandene Vorkommen für unsere Klimaverhältnisse geeigneter Baumarten in 18 einigermaßen homogene Regionen untergliedert. Für diese 18 Regionen wurden sodann Baum- und Strauchartenlisten entwickelt, in welche umfangreiche dendrologische Anbau- und Eignungserfahrungen von Fachleuten eingeflossen sind. Diese Liste steht heute dem Exotenwaldförster zur Verfügung. Gleichzeitig wurde der gesamte Exotenwald – meist in Anpassung an die vorhandenen Waldbestände – ebenfalls in 18 Anbauregionen aufgeteilt. Die forstliche Betriebsplanung erfolgt im Exotenwald üblicherweise alle 10 Jahre. Diese legt dann die Erweiterungsflächen für den Exotenanbau für den nächsten, wieder 10-jährigen Planungszeitraum fest. Da alle Flächen im Exotenwald einer bestimmten Region zugeordnet sind, sucht nun der Förster anhand seiner Liste inzwischen europaweit nach geeigneten, in ihrer Wachstumsentwicklung zum Nachbarbestand passenden und nicht zuletzt finanziell vertretbaren Pflanzensortimenten.
Der Gürtel der blühenden Bäume
Zunächst war es eher Zufall: den vorhandenen Beständen entsprechend teilte man den unmittelbar stadt- und schloßparknahen Bereich des Exotenwaldes den Herkunftsgebieten China und Japan zu. Schon 1990 war ein Teil dieser Bestände von Baumarten geprägt, welche durch ihre markanten Blüten oder durch besondere Herbstfärbung hervortraten. Dieser Ansatz wurde zwischenzeitlich deutlich erweitert: Zu Kobushi - Magnolie (Magnolia kobus) und Großblättriger Japanischer Magnolie (Magnolia hypoleuca) kamen der Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa), die Chinesische Lilien (Youlan ) - Magnolie (Magnolia denudata), der Taubenbaum (Davidia involucrata) und im benachbarten, amerikanischen Bereich die Gurkenmagnolie (Magnolia acuminata) und die Schirmmagnolie (Magnolia tripetala). Im Frühjahr 2005 wird dieses Spektrum noch durch markant blühende Kirschenarten wie die Tokio - Kirsche (Prunus yedoensis), die Kanzan - Kirsche (Prunus „kanzan“) und die Sargent – Kirsche (Prunus sargentii) erweitert. Nun geht es natürlich immer einige Jahre, bis die Bäume so weit gediehen sind, daß sie blühen und Früchte tragen und daß es sich für den Besucher lohnt, ausschließlich wegen des Gürtels der blühenden Bäume in den Exotenwald zu kommen. Dennoch: Die ersten Magnolienbestände und die Blauglockenbäume blühen bereits im zeitigen Frühjahr noch vor dem Laubaustrieb und da die meisten Nadelbaumbestände ihre Nadeln im Winter nicht abwerfen, sind auch diese im zeitigen Frühling schon in voller Größe zu bewundern.
Ein Besuch im Exotenwald lohnt sich
Im Grundsatz lohnt sich ein Besuch des Exotenwaldes zu jeder Jahreszeit. Selbst im Winter! Die meisten Nadelbäume bleiben grün und werfen ihre Nadeln nicht ab. Die Laubbäume bestechen den aufmerksamen Betrachter durch das baumartentypische, filigrane Anordnungsmuster von Ästen und Zweigen. Besonders sehenswert sind zu jeder Jahreszeit: Mammutbäume (3 Bestände), Urweltmammutbäume (Metasequoia glyptostroboides), Atlaszedern (Cedrus atlantica), Scheinzypressen (Chamaecyparis lawsoniana und obutusa), Flußzedern (Calocedrus decurrens), Thujen (Thuja plicata), Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens) und Araucarien (Araucaria araucana). Dennoch gibt es zeitliche Höhepunkte: Der erste ist der Herbst, in dem vor allem die nordamerikanischen und viele japanische Baumarten leuchten. Von Oktober bis Mitte November gestaltet die Natur hier ein einzigartiges und aufregendes Farbenspiel. Besonders markante Bestände im Herbst sind u. a. Zuckerahorne (Acer saccharum), Scharlacheichen (Quercus coccinea), Hickories (Carya ovata), Tulpenbäume (Liriodendron tulipifera), Kuchenbäume (Cercidiphyllum japonicum), Weinahorne (Acer circinatum). Der zweite Höhepunkt ist der Frühling im Exotenwald. Auf diesen haben wir im letzten Kapitel hingewiesen. Der Exotenwaldbesucher kann sich durch das Waldgebiet führen lassen: An den Waldeingängen sind Hinweistafeln, auf denen man sich den von der Länge und Zeitdauer geeigneten von drei im Wald markierten Rundwegen aussuchen kann. An den Wegen sind die wichtigsten Bestände für den fachlichen Laien verständlich auf Hinweistafeln beschrieben. Daneben steht für den interessierten Besucher ein Faltblatt zur Verfügung, das kostenlos beim Verkehrsverein der Stadt und beim Forstamt erhältlich ist. Für denjenigen, der sich in die Baumartenvielfalt weiter vertiefen möchte, steht ein Farbbildband zur Verfügung, welcher im Buchhandel, beim Verkehrsverein der Stadt und beim Forstamt erworben werden kann. Während des Sommers bietet der Verkehrsverein Führungen für Besucher und Besuchergruppen an. Auf Anfrage führt das Forstamt für Gruppen Fachführungen durch.
Aktuelle Literatur:
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